Prominente, Influencer und Podcasts sprechen so offen über ADHS wie nie zuvor. Fast entsteht der Eindruck einer „Volksdiagnose“. Spiegeln die steigenden Diagnosezahlen eine bessere Erkennung wider – oder auch gesellschaftliche Trends und vereinfachte Darstellungen?
Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Unruhe, Ungeduld und Aufschieben kennt fast jeder, besonders unter Stress. In sozialen Medien werden solche Alltagserfahrungen oft als „typische ADHS-Symptome“ präsentiert – wissenschaftlich ist das problematisch, weil normale menschliche Eigenschaften pathologisiert werden. Viele ADHS-Symptome sind zudem unspezifisch und kommen auch bei Depression, Angststörungen, chronischem Stress, Schlafmangel oder Erschöpfung vor. Dauerbeschallung durch Smartphones, ständige Erreichbarkeit und hohe Leistungserwartungen tun ihr Übriges: Konzentrationsprobleme sind fast ein gesellschaftliches Phänomen geworden.
ADHS ist dennoch eine reale, ernst zu nehmende Erkrankung. Nach den gültigen Kriterien gehören dazu anhaltende Aufmerksamkeitsprobleme, ständige Ablenkbarkeit, große Schwierigkeiten beim Organisieren, ausgeprägte Vergesslichkeit trotz Hilfsmitteln, deutliche Impulsivität und anhaltende Unruhe – und zwar seit der Kindheit und mit erheblichen Beeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen. Gelegentliche Konzentrationstiefs reichen ausdrücklich nicht aus. Wer sich in der vollen Schwere wiedererkennt, sollte eine fachkundige Abklärung suchen: mit mehreren Testverfahren, Persönlichkeitsdiagnostik und ausführlicher Anamnese. Zur ADHS-Diagnostik
— Alexander Friese, M.Sc., M.A.S.